RAHNS­DORF

Diese Serie von sechs Fotografien zeigt den Kriminalfall des Dieter Henschel aus der ehemaligen DDR. Er beschreibt den grausamen Werdegang eines Kindes, das in einem zerrüttetem Elternhaus aufgewachsen ist und dessen Eltern eine verschobene Vorstellung von Zuneigung und wenig Aufmerksamkeit für ihr Kind hatten. Dieter Henschel hat sich in seinem weiteren Leben allerdings nie aus seiner Opferrolle befreien wollen und ist so zu einem der gefürchtetsten Serien-Vergewaltiger der DDR geworden. Jener Werdegang endete 1999 in einer Entführung, bei der das Opfer letztlich mit dem Leben davon gekommen ist. Der Täter hingegen landete bis zu seinem Suizid im Gefängnis. 

Diese Fotoserie zeigt die prägensten Meiler in der Lebensgeschichte des Dieter Henschel und ist inspiriert von „Der Fänger“, einem Artikel von Félice Gritti, aus dem Magazin Stern Crime, Ausgabe Nr. 27.

Ein besonderer Dank geht an die Schauspieler Sander Lybeer und Vivien Andrée, die mich mit ihrem Talent und ihrer Kompetenz unterstützt haben.

Passend zur Serie entstand im Laufe des Prozesses ein Soundtrack, der die düstere Welt und Beziehung zwischen Opfer und Täters verdeutlicht.

// Limitierter Editionsdruck (3 Stk. pro Motiv)

// 80x60cm bzw. 60x80cm auf Hahnemühle Baryta Papier,  signiert

// 300,-€ pro Print, ungerahmt

– I –

Im Sommer des Jahres 1950 kommt am Rande Berlins ein kleiner Junge zur Welt. Seine Eltern nennen ihn Dieter. Er ist der zweite Nachkömmling der Familie Henschel. Im Alter von zwei Jahren wird Dieter mit seiner Schwester in ein Heim verbannt, da ihre Mutter herzkrank wird und sich nicht mehr in der Lage sieht, für Ihre Kinder zu Sorgen. Dieter leidet stark unter der fehlenden Bindung zu seiner Mutter. Nach einem Jahr kompletter Kontaktsperre dürfen sie ihre Mutter zunächst wochenends im Familienhaus in Berlin-Kaulsdorf besuchen und im Alter von fünf Jahren ist der Heimaufenthalt komplett beendet. Während Dieters Vater regelmäßig die Hand ausrutscht, übernimmt die Mutter die Rolle des sicheren Hafens. Weil Dieters Mutter sich ins geheim eine zweite Tochter gewünscht hat, kleidet sie ihn häufig in Mädchenkleidern. Eine Vorliebe, die den Anfang vom Ende einleitet. 

Was im Kindesalter als Neugierde und dem Wunsch nach Anerkennung begann, entpuppte sich schon bald als krankhafte Gier nach Nähe und dem ungestillten Bedürfnis nach Liebe und Berührung. Wenn es ihn überkam, schlich er in Frauenkleidern gekleidet durch die Kaulsdorfer Gassen. Jede von Licht verlassene Ecke scheint eine neue Chance auf Glück durch Selbstbefriedigung. 

– II –

Ab einem Alter von sechs Jahren entdeckt Dieter häufiger wie seine Eltern anders als andere miteinander umgehen. Sie fesseln sich, beide lachen dabei. Zunächst weiß er nicht, diesen Anblick einzuordnen. “Wieso hat Mama Freude, wenn Papa ihr wehtut?” Mit jedem weiteren Mal, fühlt es sich normaler an. “Das machen meine Eltern eben so.” Dieter findet im Schlafzimmer Handschellen, die er später selbst dazu nutzt, sich zu fesseln – zuerst in Mädchenkleidern, später stören diese aber. Ohne Kleidung fühlt es sich nicht eingeengt an und er kann seiner Lust freien Lauf lassen. Nichts von all den Knebeleien kann allerdings sein Bedürfnis nach Nähe stillen. Selbst nicht als Heranwachsender Mann. So dauert es nur wenige Jahre bis Dieter das Loch, das seine Mutter damals hinterlassen hat, mit einem ersten Opfer stopft.

– III –

Mit 14 Jahren begeht Dieter Henschel seine erste Vergewaltigungstat an einem Mädchen. Dieses Gefühl der Macht wird von nun an sein Antrieb sein, denn bis ins Jahr 1999, also 49 Jahre später, hat Dieter mindestens zwei Dutzend weitere Frauen rund um den Berliner Ortsteil Rahnsdorf vergewaltigt und bis aufs schrecklichste misshandelt. In diesen Jahrzehnten führte er zwar etliche Beziehungen, von denen er dachte, sie können seine inneren Sehnsüchte stillen. Doch diese Suche schien bis zum 14. Februar 1999 vergebens. An jenem Valentinstag machte er sich erneut auf die „Jagd“. Dieter vermummte sich wie so oft mit einer Badekappe und einem Tuch zum Schutz seines Gesichts und verfolgte sein nächstes Opfer. Dass es sein Letztes sein wird, war bis zu diesem Zeitpunkt unklar. 

– IV –

Diesmal ist es nicht der Akt der spontanen Vergewaltigung, der Dieter Henschel zu dieser Tat veranlasst hat. Dieses Mal möchte er mehr von seinem Opfer haben. Mehr Verbindung, mehr Liebe. Deshalb entführt er die Frau, die Ulrike heißt (fiktiver Name aus Stern-Crime-Artikel zum Schutz des Opfers), und schließt sie umgehend in seinen Keller ein. Jener Keller in seinem Elternhaus, der auch schon damals seinen Erzeugern als Folterkelter zum Spaß diente. Ulrike wohnt von nun an bei ihm. Er oben frei, sie unten gefangen. Doch mindestens drei Mal am Tag kümmert er sich um seine in Ketten gelegte Sklavin. 

– V –

Nachdem nun Ulrike Möller (Name geändert) auf grausamste Weise von Dieter Henschel entführt und in seinen Keller verschleppt wurde, erfuhr sie direkt zu anfang, was der vermeintliche Grund der Entführung sei. Henschel arbeite angeblich für eine Organisation, die Sexsklavinnen ausbilde und verkaufe. Aus diesem Grund solle sie doch den vorbereiteten Ausbildungsvertrag unterschreiben und anschließend den mit Anweisungen gefüllten Ordner „Sexpraktiken für die Sklavin“ studieren. Als Kleidung erhält sie zunächst Ober- und Unterteile ihres Entführers. Danach wird sie erneut gefesselt. 

In den ersten Tagen versucht Dieter seine Geschichte aufrecht zu halten und zwingt sie zum Erlernen und Ausführen diverser Praktiken. Zum Frühstück versorgt er sie schon nahezu mütterlich mit Suppengerichten, abends mit geschmierten Broten. Doch nicht nur Dieters anfängliche Geschichte brökelt – auch seine buchstäbliche Maske trägt er mittlerweile nicht mehr. 

– VI –

Bereits fünf Wochen ist Ulrike nun in Gefangenschaft. Dieter bemerkt von Tag zu Tag aufs neue, dass er sich die gewünschte Zuneigung nicht durch Gewalt beschaffen kann. Sein Umgang mit Ulrike wird immer lockerer und – zu seinem Nachteil – nachlässiger. Neben dieser Zurückweisung von Ulrike hat Dieter außerdem damit zu kämpfen, dass seine Mutter nach einer Herz-OP in ein Wachkoma gefallen ist. Er besucht sie in letzter Zeit regelmäßig im Krankenhaus. Der Druck von beiden Seiten ist für ihn nicht mehr auszuhalten, weshalb er am 44. Tag der Entführung aus dem Haus geht und Ulrike ohne Fesseln im Keller zurücklässt. Er steigt ins Auto, fährt bis nach Mahrzahn und rast dort mit ca. 50km/h einem stehenden Betonlaster ins Heck. Dieter überlebt den Selbstmordversuch, kommt aber tagelang ins Krankenhaus. Weil seine Schwester ihn mit Klamotten versorgen wollte, hat sie das Kellerverlies und die auf sich aufmerksam machenden Ulrike entdeckt. Ulrike war endlich frei und Dieter Henschel wurde nach seinem Geständnis noch im Krankenhaus festgenommen. Nach der Jahrtausendwende nimmt sich Dieter noch im Gefängnis das Leben.

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